Auf dem Boden einer Apotheke liegt auch nur, wer nicht mehr anders kann

Was ich hier erzähle ist erst wenige Stunden her und ich weiß nicht, welche Auswirkungen diese Geschehnisse noch haben werden. Vielleicht gar keine, vielleicht gewaltige. Ich kann kaum erwarten, es herauszufinden.
Spoiler alert: Mir geht es gut und es gibt keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Diese Teil meiner Geschichte hat ein Happy End – und das Abenteuer geht weiter.

Eigentlich wollte ich mit dem Zug fahren. Allein die Tatsache, dass es wesentlich billiger war, das Auto zu nehmen, änderte kurzfristig meine Pläne und schickte mich auf eine Reise, die ich nicht machen wollte, aber sicherlich machen musste. Denn Autofahren ist schwieriger als gedacht, wenn man komplett stillsteht.

Die Hinfahrt nach Bad Blankenburg, mitten im Thüringer Wald, war unspektakulär und ich konnte nicht dankbarer sein, zum „Young Leaders Forum“ der Deutschen Evangelischen Allianz eingeladen zu sein. Menschen aus den verschiedensten Gemeindekontexten, Arbeitsfeldern, Orten und Altersgruppen waren zusammengekommen. Unser Ziel: gemeinsam darüber nachdenken, welchen Stellenwert Gott in unserer Gesellschaft hat, welche Chancen und Herausforderungen uns bevor stehen und wie wir trotz unserer Unterschiede gemeinsam den groß machen können, den wir alle lieben: Jesus.

Das Forum dauerte nur etwas über einen Tag, doch trotz der kurzen Zeit fühlte ich mich schnell wie in einer großen Familie und war begeistert von der Offenheit und Liebe im Raum. Wir begegneten einander auf Augenhöhe und jeder konnte mitreden – der jugendliche Mitarbeiter genauso wie der Chef einer großen christlichen Organisation und der Pastor einer Gemeinde.

Schnell merkte ich, dass ich genau am richtigen Platz war, nicht nur, weil ich hier potentiell Kontakte knüpfen konnte, die mir für meine berufliche Zukunft weiterhelfen würden. Hier wurde gelebt, was mir in letzter Zeit immer wichtiger wurde: eine Gemeinschaft von Christen, die miteinander am Reich Gottes arbeiten und sich gegenseitig unterstützen wollen. Es ging um ein Miteinander, um ein Unterstützen der Stärken und ein Mittragen der Schwächen des anderen.

Man könnte meinen, ich hätte das verstanden, als ich mich auf dem Weg nach Hause machte. Gemeinschaft ist wichtig, niemand schafft es alleine, wir brauchen alle mal Hilfe. Mein Kopf wusste das auch. Niemals hätte ich vermutet, dass ich nur wenige Kilometer von Bad Blankenburg weg gezwungen wurde, das sofort in die Praxis umzusetzen und es so ins Herz zu bekommen.

Bei den Veranstaltungen am Donnerstag Vormittag hatte ich leichte Kopfschmerzen, was bei mir eher ungewöhnlich ist, aber noch kein Grund zur Sorge. Erst als ich vor meinem leckeren Mittagessen saß und mir nicht vorstellen konnte, es zu essen, wurde mir klar, dass es vielleicht nicht nur Kopfschmerzen waren. Also beschloss ich, schon etwas früher nach Hause zu fahren, schließlich will ich kommende Woche meine Masterarbeit abgeben und es war noch manches dafür zu tun.

Ich kam nicht einmal bis in den nächsten Ort, als sich ein böses Deja-Vu breit machte und ich mich plötzlich so fühlte wie vergangenen Sommer schon einmal: leichte Kopfschmerzen, Schwindel, das Gefühl gleich umzukippen. Bei Minus-Temperaturen konnte es wohl kaum an der Hitze liegen, wie ich es damals vermutete, trotzdem hielt ich erst einmal an. Ein paar Minuten an der frischen Luft und es ging wieder, auch wenn mir nun äußerst kalt war.

Zudem hatte ich eigentlich gar keine Zeit für solche Späße. Meine Masterarbeit wird nicht von alleine fertig und ich hatte noch andere Pläne – körperliche Probleme sind ja nun wirklich unnötig und das letzte, was ich brauche. Ich lag falsch. Meine Masterarbeit wird auch mit 1-2 Tagen Verzögerung mehr als rechtzeitig fertig und meine körperliche Schwäche zwang mich, das zu leben, woran ich glaube. Das alles hielt zwar mein Stress-Level einigermaßen zurück, aber definitiv nicht mein Frustrations-Level und meine innerliche Verzweiflung (was ich natürlich gekonnt überspielte, irgendwo hatte ich ja meinen Stolz).

Weiter ging die Fahrt, sie ging nur nicht besonders lange, bevor ich mit einer halben Vollbremsung in den nächsten Feldweg einbog, weil der Schwindel zurückkam. In solchen Fällen ist größere Vorsicht besser als zu viel Selbstbewusstsein. Da ich von einer christlichen Veranstaltung kam und mir Gebet in letzter Zeit sehr wichtig war, setzte ich erst einmal ein paar Hilferufe in den Himmel ab, die Gott gekonnt ignorierte (beziehungsweise entschied, zu meinem Besten nicht nach meinen Wünschen zu antworten). Fünf Minuten im kalten Auto reichten mir, um erst einmal davon auszugehen, dass wohl keine Spontan-Heilung von Gott kommt und ich erst einmal andere Wege finden musste.

Nächster Anruf ging an meinen Vater, der mich schwieriger ignorieren kann, sobald er den Telefonhörer abnimmt – tat er Gott sei Dank auch nicht. Er hatte eine weniger extreme Idee als ich (Weiterfahrt riskieren oder ins Krankenhaus); so fand ich in einem kleinen Dorf irgendwo in Thüringen eine Apotheke und hoffte, dort meinen Kreislauf in Schwung zu bringen, damit ich nach Hause fahren konnte. Ich wollte wirklich nicht um Hilfe bitten, doch ich sah keinen Ausweg, den ich irgendwie alleine geschafft hätte.

Die Apothekerin war sofort hilfsbereit und versorgte mich mit Traubenzucker, Wasser und Zwieback, aber nichts half. Ein paar Minuten ging alles gut und dann kam die nächste Ich-kipp-gleich-um-Welle. Sie hatte so etwas auch schon einmal, bei ihr kam es von den Halswirbeln (womit sie auch bei mir Recht behalten sollte, es war nur nicht ganz so schlimm).

Am Boden einer Apotheke sieht die Welt irgendwie anders aus…

Zu meiner Überraschung hatte der Ort sogar eine Ärztin, aber die Sprechstunde würde erst fast zwei Stunden später beginnen. Alternativlos blieb ich erst einmal in der Apotheke und als sitzen auch fies wurde, verlagerte ich mich auf den Boden im Hinterzimmer (der Teppich und Fußbodenheizung hatte, für das ich nicht dankbarer sein konnte). Da lag ich nun, gestrandet, hilflos und nur 40km Luftlinie von meiner Heimat weg, jedoch ohne einen Weg, dort irgendwie hinzukommen.

Beim Gespräch mit der Frau fand ich heraus, dass ich nicht nur die erste Gestrandete dort war, sondern ihr genauso Hilfe sein konnte, wie sie mir: ich erzählte ihr von mir, meinem Glauben und meiner Überzeugung, dieses Erlebnis war kein Zufall, sondern Gottes Plan. Sie redete nicht viel von sich, außer, dass sie wohl auch „sehr gläubig“ war und ein paar Andeutungen machte, dass ich ein Teil von eine Reihe Ereignissen war, die sie zum Nachdenken anregten.

Gott wäre nicht Gott, wenn in solchen ungewöhnlichen Situationen nicht auch etwas Humor für mich versteckt wäre – in diesem Fall waren es die Kunden der Apotheke, die froh waren, als sie die sichtbaren Stiefel im Hinterzimmer noch wackeln sahen und sie nicht Zeuge eines Mordes in der Ortsapotheke wurden. Am witzigsten war ein älterer Herr, der sich mit der inzwischen eingetroffenen Chef-Apotherkerin unterhielt und beide meinten, sie würden nicht noch einmal jung sein wollen, würden vieles anders machen und würden sich das nur antun, wenn sie mit 20 schon das wüssten, was sie nun wissen, gerade wenn es um Liebe und Beziehungen geht.

Da ich die beiden nur hörte und alles sowieso schon super seltsam war, verkniff ich mir, vom Boden der Tatsachen auch noch blöde Kommentare abzugeben. Ich hätte wirklich gerne etwas sarkastisches gesagt, nach dem Motto „Danke, das ist genau das, was eine junge Frau hören will, die gerade im wahrsten Sinne des Wortes am Boden ist, nicht weiß, wie es mit ihrem beruflichen Leben weitergeht, eine Masterarbeit abzugeben hat und nebenbei auch noch Single ist.“ Allein die Tatsache, dass die beiden im tiefsten thüringischer Dialekt redeten, machte es für mich mehr amüsant als anstrengend, also nahm ich es gelassen hin und hatte das Gefühl, Gott grinsen zu sehen.

Irgendwann konnte ich endlich zur Ärztin, obwohl ich es mir bei dem vollen Wartezimmer fast noch einmal anders überlegte. Ihre Diagnose: ich habe zu wenig Muskeln am Hals, deswegen hat der manchmal keinen Halt und führt zu meinen Symptomen – aber sorry, machen kann sie da jetzt auch nichts, dafür gibt es keine Tabletten. Und mir aufzutragen, mehr Sport zu machen, bringt mir wenig, wenn ich durchs Studium eben viel sitzen muss. Die Heimfahrt bekomme ich aber doch sicher irgendwie hin, notfalls muss mich irgendjemand abholen.

Lange Rede, kurzer Sinn: unveränderter Dinge setzte ich mich ins Auto, schrie noch einmal zu Gott und fuhr los. Meine Hoffnung war, dass Gott noch irgendeinen Plan mit meinem Leben hat und der nicht damit enden darf, wegen einer solchen Sache im Graben oder einer Leitplanke zu landen oder auch noch andere in Gefahr zu bringen. Die restliche Fahrt konzentrierte ich mich weniger auf Gott als auf die 90km Bundesstraße und Autobahn, die ich irgendwie so schnell und sicher wie möglich überstehen musste. Die ersten Hälfte der Fahrt ging erstaunlich gut, die zweite Hälfte war eher Qual und Bewahrung, da der Schwindel zurückkam und ich mehr durch Erfahrung und Automatismus fuhr, als durch Aufmerksamkeit.

Wie versprochen hat die Geschichte ein gutes Ende, ich kam unversehrt bis zum Haus meiner Eltern, auch wenn meine Nerven blank lagen und mein Körper mich hasste. Ein paar Stunden Schlaf später sieht die Welt wieder viel besser aus und das Geschehene wirkt viel unwirklicher. Laut Arzt brauche ich nur ein bisschen Muskelaufbau, damit so etwas nicht noch einmal passiert, sonst ist alles in Ordnung.

Dieser kleine Einblick ist nur eine Andeutung von dem, was ich die letzten zwei Tage mit Kopf und Herz lernen und erleben durfte und ich vermute, Gott wird auch hier noch Nacharbeit leisten. Auch wenn ich mein Studium fast beendet habe, meine Ausbildung in der Schule des Lebens wird nie zu Ende gehen und immer wenn ich denke, ich hab ein Fach bestanden, kommt das nächste auf den Lehrplan.

Um mir die Bedeutung von Gemeinschaft und gegenseitiger Unterstützung noch deutlicher und praktischer zu machen, reichte keine Konferenz mit anderen Christen, dazu musste ich hilflos auf dem Boden einer Apotheke im Nirgendwo landen, wo mir eine völlig fremde Person half und mir Liebe entgegenbrachte. Ich kann nur hoffen, dass ich diese Lektion so schnell nicht vergesse, damit Gott nicht noch einmal zu solchen Maßnahmen greifen muss, um sie mir erneut beizubringen.

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