Um ehrlich zu sein…

2015 ist kaum ein Tag alt und schon begann es für mich anders als sonst: mit einem Traditionsbruch.

Heute bekam ich eine Tatsache zu hören, der ich mir zwar bewusst bin, dennoch versuche zu ignorieren. Eine Person, die meinen Adventskalender gelesen hat, stellte fest (sinngemäß): „Da bekommt man eine ganz andere Seite von dir zu Gesicht. Ich habe das Gefühl, es ist der Mensch, der du gerne wärst, aber noch nicht bist.“ Diese Aussage trifft voll ins Schwarze. Ich meine alles ernst, was ich schreibe und bin auch davon überzeugt – doch die Umsetzung fällt mir meistens wirklich schwer.

Dies ist für mich der erste Neujahrsabend seit Jahren, den ich zu Hause verbringe. Als Teenager fing ich an, zu einem Neujahrsgottesdienst zu gehen und über die Jahre wurde es für mich zur Tradition. Ich mochte den Chor, die Predigten, die volle Kirche und die vielen bekannten Gesichter. Es ist einer der wenigen Gottesdienste, wo man eine halbe Stunde vor Beginn keinen guten Platz mehr bekommt, weil so viele Menschen in die Kirche strömen.

Der Gottesdienst ist wirklich gut – er ist inzwischen nur nicht mehr gut für mich. Es hat sich dabei nichts verschlechtert oder groß geändert. Eher im Gegenteil: Der Chor ist besser denn je, singt hauptsächlich selbst komponierte Lieder und ist musikalisch wirklich gut. Auch die Prediger, die stets über die neue Jahreslosung sprachen, verloren nie an Qualität.

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Weg mit den Traditionen – es wird Zeit für Ehrlichkeit und Veränderung!

In den Minuten, in denen ich diesen Eintrag tippe ist der Gottesdienst in vollem Gange und ich bin mir sicher er ist gut wie immer. Dennoch würde ich nicht dort sein wollen. Denn meine Gründe wären die falschen, genau wie die letzten Jahre auch.

So gut der Chor auch ist, die Musik ist einfach nicht mein Fall und alles was ich 2014 im Kopf hatte, war, dass sie doch bitte keine englischen Lieder singen sollten, wenn ein Großteil die Aussprache schwer beherrscht. Auch bei der Predigt suchte ich mehr nach Fehlern als nach Aussagen für mein persönliches Leben. Also regte ich mich innerlich lieber auf, obwohl nichts falsches an den Aussagen zu finden war.
Oft musste ich auch versuchen wach zu bleiben, denn an Silvester ist man nun mal länger wach und es fehlt immer der Schlaf.

Aber der vorrangigste Grund für mich diesen Gottesdienst zu besuchen waren die Besucher. Einigen Menschen, die ich nie oder nur wenige Male im Jahr sah, konnte ich so wenigstens von weitem zu winken. Besonders interessant war es natürlich, Neuigkeiten mitzubekommen und zu sehen, wer mit wem zusammen ist und was sonst so bei den Leuten los ist. Mit anderen reden konnte man dann perfekt bei leckeren Brezeln im Anschluss an den Gottesdienst.

Es ist offensichtlich, dass meine Motive für diese Tradition alles andere waren als das, was es sein sollte: Das Jahr mit Jesus zu beginnen und von ihm zu hören.

Deswegen beschloss ich heute spontan, alles anders zu machen. Ich muss nicht in einen Gottesdienst gehen, um Zeit mit Gott zu verbringen, erst recht nicht, wenn es meine Stimmung eher verschlechtert als verbessert.

Meine Familie akzeptierte meine Erklärung und zog also ohne mich los – wofür ich sehr dankbar bin. Nichts wäre schlimmer gewesen, als ein eingeredetes schlechtes Gewissen, das mich doch dazu bewegt hätte, mitzukommen. Auch die Tatsache, dass zwei meiner besten Freunde den diesjährigen Gottesdienst besuchen stimmte mich nicht um.

Mit dem Vorsatz, Zeit mit Gott zu verbringen, laß ich also vorhin etwas in der Bibel und knöpfte mir das Buch „not a fan.“ von Kyle Idleman vor. Nach dem Vorwort und dem ersten Kapitel fühlte ich mich bestätigt und beschämt zugleich.

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Kein Fan – Vollkommen engagierter Nachfolger.

Das Buch fordert auf, darüber nachzudenken, ob man ein „Fan“ oder ein „Nachfolger“ Jesu ist. Ungeschönt und ehrlich beschreibt der Autor, was er erlebt hat und stellt Dinge fest, mit denen ich mich sofort identifizieren konnte. Ich muss zugeben: Manchmal bin ich wirklich eher ein Fan als ein Nachfolger. Im Gottesdienst wäre ich als Fan aufgetreten.

Gerade Christen schaffen es sehr gut, sich Dinge zurecht zu reden.
„Ich spende mehr als mein Nachbar, ich bin ein guter Christ.“
„Ich gehe, im Gegensatz zu vielen anderen regelmäßig in die Gemeinde!“
„Ich bin ein zuverlässiger Mitarbeiter in der Gemeinde und tue mehr als andere – sollen die erst einmal aktiv werden.“
So einfach hat man sich selbst bestätigt und kann sich als toller Christ auf die Schulter klopfen.

Das Problem dabei kehrt man gerne unter den Tisch: Man sucht sich seine Vergleichsobjekte heraus und nimmt natürlich die, die „schlechter“ sind, „mehr sündigen“, „weniger tun“ und so weiter. Alle, die einen übertreffen würden, ignoriert man, denn sie sind wirklich Ausnahmen.

Viele Menschen könnten meine Tätigkeiten für Jesus weit übertreffen. Im Vergleich zu anderen Blogs ist meiner bestenfalls amateurhaft und auch meinen Schreibstil und meine Ausdrucksweise könnten viele ohne Probleme in den Schatten stellen. Mit denen vergleiche ich mich jedoch nicht, sondern nur mit solchen, die mir, meiner Meinung nach, unterlegen sind.

Ich will nicht nur ein Fan von Jesus sein. Ich will mich nicht zufrieden geben mit meinem Christsein, nur weil ich denke, ich wäre besser als andere und bräuchte mich nicht mehr steigern (was bei genauem Nachdenken absolut nicht stimmt, aber ich mir gerne einrede). Meine Tätigkeiten sollen für Jesus sein und nicht um Leute zu beeindrucken, mein Gewissen zu beruhigen, Traditionen zu erfüllen oder Aufmerksamkeit zu bekommen.

2015 kann ein Jahr der Veränderung werden. Ich habe bereits damit angefangen und ich hoffe um Kraft, Mut und Durchhaltevermögen, es durchzuziehen. Die Fan-Züge meines Glaubens sollen zu Charaktereigenschaften eines echten Nachfolgers werden. Ich bin gespannt, was das Jahr bringen wird!

Phtoto Credit: „Dream Girl“ by @Doug88888 on flickr.com

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